Oft sind es die ganz großen Hunde, die uns ihre Seele zart in die Seite stupsen. Das geht ganz einfach, weil sie uns allein wegen ihrer Größe ganz nah ans Herz kommen. Kasimir ist ein Herdenschutzmischling und er lebte auf einer Müllkippe in Griechenland.

Als wir Kasimir im Mai 2014 auf der Internetseite von „Stray – einsame Vierbeiner e.V.“ sahen, wussten wir sofort, wir würden ihn zu uns holen. Es war ein Herzenshund. Klar, wir wissen nicht, was da auf uns zukommt. Wir kennen ihn nicht und er muss sich mit allen unseren Tieren verstehen. Ein „Zurück“ gibt es nicht, wenn er hier ist.

Aber wir wurden noch nie von einem Tier enttäuscht.

Wir holten ihn am 07.05.2014 in Frankfurt vom Flughafen ab. Es war unglaublich, wie er stank. Wir nannten ihn die erste Zeit „Herrn Müffelmann“.  Da wir aber schon so viele Tiere aus Tierheimen o.ä. zu uns geholt hatten, wussten wir, dass es kaum etwas Schöneres gibt, als mitzuerleben, wie die Tiere allmählich den „Zuhause-Geruch“ bekommen. Wenn sie diesen – für jedes Tier eigenen – Geruch bekommen, man sie also eigentlich gar nicht mehr riecht, oder etwas ganz besonderes riecht wie z.B. Popcorn, weiß man, dass das Tier angekommen ist.

Wir kamen nachts von Frankfurt zu Hause an und gingen einfach mit Kasimir ins Haus. Es gab eine kurze unspektakuläre Begrüßung mit allen anderen Hunden. Hummel, unser Kater, schlich ihm kurz um die Beine, was Kasimir gar nicht störte. Da stand fest: Auch dieser Hund enttäuscht uns nicht.

Ich (Lutz) hatte mir extra Urlaub genommen. Am nächsten Tag hatten wir alle Gartentore verschlossen und ich saß bei Kasimir stundenlang auf der Terrasse. Dann ging ich für ca. zwei Minuten hinein und holte einen Zettel. Als ich raus kam, war „Kasi“ weg. Bis heute wissen wir nicht, wie er über den Zaun gekommen ist. Es begannen so schlimme Stunden. Wir suchten ihn den ganzen Tag. Fuhren mit den Autos durch die Wälder und suchten mit dem Fernglas oben von den Bergen. Er konnte in alle Richtungen verschwunden sein. Es regnete in Strömen. Es war sooooo schlimm! Spät abends, es war total dunkel, mussten wir abbrechen. Wo war er? Lebte er noch? Die endlos lange Nacht. Wir druckten Zettel, die wir am nächsten Tag verteilten und an Bäume aushängten. Wieder mit dem Auto die ganze Gegend abgesucht. Der Regen wurde schlimmer und schlimmer. Gegen Abend des zweiten Tages holten wir eine Suchhund-Staffel, um vielleicht wenigstens herausfinden zu können, in welche Richtung wir weiter suchen sollten. Es gab wenig Chancen für die Suchhunde, da es in Strömen regnete und die Hunde so die Fährte nur sehr schwer aufnehmen könnten. Das große Problem war auch, das Kasi nicht wusste, wo er ist. Er kann ja gar nicht „nach Hause“ kommen – er war ja nur 12 Stunden bei uns gewesen.

Gegen 20:00 Uhr kam die Suchstaffel. Der Regen wurde immer schlimmer. Ich stand im Stall mit der Hundestaffelführerin, als mein Handy piepste. Eine SMS. Als ich auf mein Handy schaute, las ich den Text von „TASSO“: „Ihr Hund Kasimir wurde gefunden. Bitte rufen Sie in der Tierklinik in Einbeck an“. Einbeck ist ca. 20 km von uns entfernt. Wir konnten es nicht fassen. Wir riefen dort an. Er war dort. Als wir dort eintrafen, fiel die ganze Last von uns ab. Ich werde dieses Gefühl nie vergessen. Er stand dort und ich fiel ihm um den Hals. Er wurde auf einer Landstraße von Kerstin S. gefunden. Sie nahm ihn mit in ihr Auto und tat genau das richtige: Zum Tierarzt fahren, den Registrierungs-Chip auslesen lassen, den jeder Hund tragen muss und sollte und „TASSO“ informieren. Danke liebe Kerstin! Wir sind dir noch heute so unendlich dankbar.

Nun war unser Herr Müffelmann wieder zu Hause, von dem er noch gar nicht wusste, dass es sein Zuhause sein soll.

Kasi hörte nach kurzer Zeit auf zu müffeln und fing an zu riechen wie Kasi. Und das ist gut so. Ein Problem war, dass er, wenn er schlief und irgendwie angestubst wurde, sofort aufsprang und auf „Angriff“ ging.  Es war klar, dass das von der Zeit herrührte, wo er auf der Müllhalde um sein Überleben kämpfen musste. Es war auch klar, dass es noch einige Zeit brauchen würde, bis er ankommen würde und dieses Verhalten, was in seinem Unterbewusstsein fest verankert war, ablegen konnte.

Inzwischen ist er voll bei uns angekommen. Er ist tatsächlich unser Herzenshund. Er hat in der Zwischenzeit gelernt, sich auch mal gehen zu lassen und einfach einen lustigen Bocksprung auf der Terrasse zu machen. Er liegt jetzt gerne mit Mucki auf der Wiese, dem Hof oder der Terrasse und genießt das Leben.

Wenn ich das Hoftor öffne, um das Auto auf den Hof zu fahren, bleibt er immer auf dem Hof.

Kasi ist jetzt Zuhause.